Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

Auf den Spuren des Urgrossvaters

Mit einer Tabakpfeife im Mund und einem verschmitzten Blick im Gesicht lehnt sich John Zubler entspannt und scheinbar glücklich mit sich und der Welt an einen Holzzaun. Auf der obersten Latte zu seiner Rechten sitzt ein Hund, so platziert, dass es beinahe aussieht, als würde er wie ein Papagei auf seinen Schultern sitzen. Das witzige Schwarz-Weiss-Foto ist eines der wenigen Zeitzeugnisse, die der US-Amerikaner Michael Zubler von seinem Urgrossvater hat. Seit 45 Jahren interessiert er sich für die Familiengeschichte, auf die sein Urgrossvater grossen Einfluss nahm – besonders mit einer seiner Entscheidungen. Denn: John Zubler nannte sich ursprünglich Johannes, kam im Raum Bremgarten auf die Welt und wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika aus.

Auf Spurensuche in Bremgarten

«Das meiste, das wir von unserem Urgrossvater wissen, wurde mündlich überliefert», schreibt Michael Zubler der az, «und das ist sehr wenig.» Kurz nach seinem College-Abschluss begann der heute 69-Jährige mit der Ahnenforschung. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht einmal, in welchem Jahr sein Urgrossvater in die USA immigrierte. Er wusste nur, dass John im Raum Bremgarten aufwuchs und «dass er auch in Amerika nur Deutsch gesprochen und nie Englisch gelernt hat». Doch dies reichte Zubler nicht. Er wollte mehr über seinen Ahnen herausfinden, der die Familiengeschichte geprägt hat.

Kurz nach seinem College Abschluss im Sommer 1970 machte Michael Zubler sich auf eine Europa-Reise, die ihn auch nach Zürich führte. Von dort aus plante er einen kleinen Abstecher nach Bremgarten, zu seinen Wurzeln. Guten Mutes suchte er im Telefonbuch einen Zubler heraus und klopfte wenig später an dessen Tür. Die Verständigung zwischen den Namensvettern gestaltete sich zuerst schwierig: «Ich sprach kein Deutsch, sie kein Englisch», berichtet er. «Erst mithilfe meines Passes konnte ich ihnen begreiflich machen, was ich will.» War dies einmal geklärt, verstanden sich die Namensvettern. «Die Familie war sehr herzlich und bot mir einen Cognac an.» Die Zubler verwiesen ihn an weitere Zubler, die Spur verwischte.

Der Fund in der Bibliothek

Zurück in der Heimat, liess Michael Zubler die Gedanken an seinen Urgrossvater nicht los. Der mittlerweile pensionierte Lehrer recherchierte im Internet und in Bibliotheken weiter, durchsuchte in Archiven Lokalzeitungen und alte Dokumente. Fündig wurde er in einem Dokument der Volkszählung aus dem Jahr 1900 (siehe Abbildung unten links). Dank diesem Papier fand er erstmals heraus, dass sein Urgrossvater 1874 Amerika erreichte. Wobei: Zuerst hatte Michael Zubler den Namen seines Ahnen übersehen. Der Grund dafür war ein Schreibfehler. Die damaligen Behörden machten aus John Zubler kurzerhand John Zuplar.

Stück für Stück setzte Michael Zubler die Geschichte seines Urgrossvaters zusammen. Mittlerweile weiss er, dass sein Urgrossvater einen Bruder und eine Schwester hatte und 1874 in die USA, genauer nach South Bend, im Staat Indiana auswanderte. Hier heiratete er die Deutsche Agnes Beck, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. Gemeinsam bekamen sie einen Sohn, den späteren Grossvater von Michael Zubler. John arbeitete in der Singer Fabrik in South Bend, wo er 1901 verstarb. Beim Aufladen von Autos erlitt er einen Schlaganfall, fiel vom Wagen und verstarb sofort. Über seinen Tod berichteten damals auch die Lokalzeitungen (siehe Abbildung unten rechts). Seine Frau heiratete ein drittes Mal, wurde nach ihrem Tod 1942 aber dem Grab von John Zubler beigesetzt.

Über die Zeit in den USA würden er und seine Familie mittlerweile relativ gut Bescheid wissen, berichtet Michael Zubler. «Aber über seine Schweizer Familie wissen wir immer noch so gut wie nichts.» Das möchte der Amerikaner mit Bremgarter Wurzeln weiterhin gerne ändern: «Eine Verbindung zur Schweiz zu finden, wäre für mich und meine Familie wundervoll.» Lieb gewonnen hat er die Heimat seines Ahnen schon einmal. Er schwärmt von seiner letzten Reise nach Bremgarten 2003. «Mit meinem Sohn spazierte ich durch die Stadt. Wir genossen danach in einem lokalen Wirtshaus ein Bier und blickten über die Reuss.»

Erschienen: Aargauer Zeitung (14.01.2016)
Foto: zvg

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Fabio Vonarburg • 16. Januar 2016


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