Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

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Tag 1: Mals bis St. Gallen

«Das war knapp», sagt mein allererster Schofför, blickt nach rechts, auf das noch immer leere Zugsgleis in Zernez. Vier Minuten Verspätung hatte sein Postauto zeitenweise, die Anspannung sah man ihm während der Fahrt über den Ofenpass nicht an. Gelassen steuerte er den Bus im Kriechtempo durch den Engpass bei der Baustelle, nahm sich Zeit für einen Seniorenwunsch: «Können sie uns bereits beim Wanderweg rauslassen?» «Kein Problem», so der Schofför, der sich sogleich per Durchsage an all seine Fahrgäste wandte: «Wir halten ausserordentlich. Dies ist noch nicht die Passhöhe.»




Der erste Bus war überfüllt wie ein Stadtbus zur Stosszeit, die Platzverhältnisse im zweiten Bus erinnern mehr an die letzte Fahrt an Heiligabend. Zu viert geht es zum viertletzten Mal dieses Jahr über den Flüelapass, bevor die kurvenreiche Strasse über den Winter gesperrt wird. Die Passagiere: Drei allein reisende Frauen und der bussüchtige Reporter. Statt uns im beinahe leeren Postauto zu verteilen, suchen wir einander wie eine Schafherde, nehmen alle innerhalb der ersten zwei Sitzreihen Platz. Der Bus kurvt hinauf, wir kommen ins Gespräch. Die jüngste der drei Frauen ist die Ehefrau des Busfahrers. Will sie mit ihrem Mann Händchen halten, der meist auf dem Bürostuhl und nur noch selten am Steuer sitzt? «Ich bin dieses Jahr noch nie über den Flüela gefahren», erklärt die Schofförs-Gattin. «Jetzt nütze ich die letzte Gelegenheit.» Ein Paarausflug, bei dem einer der beiden erst noch Geld verdient.  

Niemand will zu unseren kleinen Reisegrüppchen dazu steigen. Die Folge: Wir liegen (zu) gut in der Zeit. Zwangsstopp auf der Passhöhe. Ich steige aus, knipse einige Fotos. Den glitzernden See, die schneeverhangenen Bergen, das gelbe Postauto.

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Danach geht’s hinab, Richtung Davos. «Haben wir jetzt den Reporter vergessen?», ruft die älteste Passagierin entsetzt, ohne ihren Kopf nach hinten zu drehen, wo ich gerade dabei bin meine Kamera einzupacken. Bei ihrem Aufschrei schrecke ich auf. «Ich bin hier», japse ich. Im Innenspiegel lächelt das Spiegelbild des Schofförs.




«Bitte alle Ausweise vorweisen», schallt die überernste Stimme meines Schofförs durch den beinahe leeren Kleinbus, als wir die Landesgrenze überfahren. Der einzige Fahrgast macht dennoch keine Anstalten aus der Tasche seine Identitätskarte hervorzukramen. Denn ich weiss – er macht nur Spass. Der Fahrer des Heidibusses ist ein Sprücheklopfer, der coolste aller meiner Schofföre.  Auf seiner Nase sitzt eine stark spiegelnde Sonnenbrille, seine rabenschwarzen Haare sind keck aufgestellt. Ein Showman, dessen Art an einen Skilehrer erinnert. Der per-Du-Schofför steuert leger den Kleinbus über den Luziensteig, durch enge Strässchen, den Weinreben entlang, über die Grenze zwischen der Schweiz und Lichtenstein.

Wunderschön ist die Strecke zwischen Maienfeld und Balzers. Noch fährt der Bus aber meist halbleer durch die Gegend. Vielleicht einfach, weil man ihn noch nicht so kennt. Früher war der Heidibus nur ein Shuttlebus zum Heididorf. Erst im letzten Mai wurde die Strecke nach Balzers verlängert. Eine Fahrplanänderung von historischen Bedeutung: Der Heidibus ist die erste Busverbindung zwischen Lichtenstein und Graubünden. Auch nicht zu verdenken: Nur dank dieser Änderung klappt meine Durchquerung der Schweiz auf dieser Route überhaupt. «Und durchs erste Tor», johlt mein Schofför, als wir unter den steinernen Torbogen durchfahren, der zum Militärmusem St. Luziensteig gehört. «Und durch das zweite.» Mein Schofför zeigt mit der rechten Hand aus dem linken Fenster, auf einen Landgasthof. «Falls du einmal mehr Zeit hast, hier isst man wunderbar.» «Was kannst du empfehlen?» «Das Cordon-Bleu.»

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Die grosse Busreportage gibt es hier als PDF.

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