Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

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Tag 2: St. Gallen bis Zofingen

Der Bus fährt los, ich kehre vom Gespräch mit dem Schofför auf meinen Platz zurück, als ich von der Frau im Abteil neben mir angesprochen werde. Sie hat gelauscht. «Sie schreiben einen Zeitungsartikel über das Busfahren? »  «Ehm, ja.» «Dann will ich Ihnen etwas sagen: Die Busse sind viel zu hoch. Für uns Ältere ist dies extrem mühsam – nur mit Müh und Not können wir überhaupt einsteigen. Die Folge: Wir bleiben zuhause, vereinsamen. Darüber müssen sie schreiben! Von welcher Zeitung sind Sie überhaupt? Vom Rheintaler? » «Nein. Aargauer Zeitung.» «Ach.» Sie schweigt.

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«Zuerst dachte ich an die Versteckte Kamera», sagt meine Schofförin und beginnt zu erzählen: «Eine Grossmutter stieg in Pfäffikon zusammen mit zwei Enkeln in meinen Bus ein und fragte mich, ob ich ins Alpamare fahre.» Sie lacht. «Ich schaute sie nur ungläubig an, dachte zuerst, sie erlaube sich einen Scherz. Jetzt ist die Familie tatsächlich ins falsche Pfäffikon gefahren, in den Kanton Zürich satt nach Schwyz.»

Die aufgestellte Geschichtenerzählerin ist die erste Schofförin auf meiner ganzen Busreise (Spoiler: Am Ende sind es zwei). «Warum wollen so wenige Frauen Bus fahren?», frage ich sie. Sie zuckt mit ihren Schultern, weiss auf die Frage keine Antwort, dafür eine weitere Anekdote: «Einmal fragte mich eine Mutter: <Können Sie einmal «Tütato» für meinen Sohn machen? >

<Leider nein. Das können nur Bergpostautos>, habe ich ihr geantwortet. <Aber wenn sie wollen kann ich einmal hupen.>»




Er würde es nicht zugeben, aber ein wenig Stolz schwingt in der Stimme meines Schofförs mit. «Vor ein paar Wochen hat eine 91-Jährige mir das Du angeboten.» Kurz hätte ihn deren Nachbarin angesprochen und ihn voller Neid gefragt: «Wie hast du das gemacht? Ich wohne seit zwanzig Jahren neben ihr und wir siezen uns noch immer.» Mein Schofför schaut kurz zu mir, bevor er seinen Blick wieder auf die Strasse richtet. «Ich war nur freundlich», sagt er, beinahe entschuldigend.




«Letzte Woche hat wieder einer in den Bus gekotzt», sagt mein Schofför und verzieht angewidert sein Gesicht. Es ist spätabends. Ich und mein Schofför wieder einmal alleine. «Direkt auf meine Kasse. Mich hat er zum Glück nicht getroffen.»

Betrunkene Partygänger herumzukutschieren, es gibt Lustigers im Leben meines Schofförs. An den Abenden am Wochenende wird sein Bus immer begleitet von Sicherheitspersonal. «Nur so kann ich mich aufs Busfahren konzentrieren.» Die zunehmende Gewalt gegen Busfahrer macht ihm zu denken. Er spricht über den Vorfall in Stein am Rhein, wo ein Busfahrer Anfang Oktober von einem Mann mit Steinen attackiert wurde. Seither wird diskutiert, ob man die Fahrerkabine zukünftig mit Plexiglas abschirmen soll. Dem Vorschlag steht mein Schofför skeptisch gegenüber: «Dann ginge unser grösster Trumpf verloren», sagt er. «Kundenkontakt.»




Wer sich die Reise mit Bussen durch die Schweiz, als einen einzigen Spass vorstellt, muss ich enttäuschen. Teils ist es schlicht äääätzend. Kaum eingestiegen, muss man nach vier Minuten bzw. zwei Bushaltestellen schon wieder umsteigen, um dann eine Viertelstunde an der Haltestelle zu warten. Auf den nächsten Bus, mit dem man wiederum nur wenige Minuten fährt. Die bis zu 14 Stunden Reisetage sind auch nicht ohne. Und dann fährt noch sie mit, die Angst: Ich könnte den Anschluss verpassen, was den in stundenlanger Arbeit  aufgestellte Fahrplan so durcheinanderwirbeln könnte, dass er wertlos würde, ich alles komplett neu planen müsste. Oder noch schlimmer: Ich es nicht mehr ins gebuchte Hotel schaffe. Oder noch einmal schlimmer: Die Reise innerhalb von vier Tagen gar nicht mehr möglich ist. Bis jetzt ging es gut, ich hoffe das bleibt so. Ich mache ein Kreuz an die Busdecke.

Kaum gedacht, ist es schon passiert. Feierabendverkehr. Stau. Bus verpasst. Warten. Anderthalb Stunden. Mist. Cappuccino. Hilft nichts. Wieso tue ich mir das an?

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Die grosse Busreportage gibt es hier als PDF.

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