Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

0

Tag 3: Zofingen bis Lausanne

«Ganz vorne links, das ist der sicherste Platz», sagt mir mein Schofför. Da besteht keine Gefahr, dass man bei einem Bremsmanöver oder Aufprall in hohen Bogen durch den Bus fliegt. Im Bus haben nicht nur Sicherheitsfanatiker einen Lieblingsplatz – eine meiner Erkenntnisse aus 28 Stunden und 11 Minuten Bus fahren. Die Plätze zuhinterst sind reserviert für die «Coolen». Sprich: Für Kinder und Teenager jeden Alters. Hier sitzt man wie auf einem Thron. Der ideale Ort, um Sprüche zu klopfen, Witze zu reissen. Wer mehr Beinfreiheit schätzt und trotzdem sich in einer grösseren Gruppe unterhalten will, der wählt ein Viererabteil, sofern einem das rückwärtsfahren keine Mühe macht. Und ich, ich sitze meist auf dem Schwaffli-Sitz – der Einzelsitz vorne rechts. Er ist das, was in einer Beiz der Stammtisch ist. Nur von hier aus kann man sich mit dem Schofför unterhalten. Dieser erzählt gerade von seinem früheren Chef, zitiert eine seiner Weisheiten: «Es gibt für einen Busfahrer nur einen Grund Zähne zu zeigen. Beim Lachen.»

Meist setzt man sich im Bus einfach hin.
« 1 von 4 »



Zuerst steht sie ruhig da, als der Bus nicht abbremst, wird die Frau in der roten Jacke langsam unruhig, letztlich fuchtelt sie wild mit ihren Armen. Im letzten Moment fährt mein Schofför an den rechten Strassenrand, ein paar Meter nach der offiziellen Bushaltestelle. Mit energisch schnellen Schritten kommt die Frau zum Postauto. Kaum hat sich die Tür mit einem tiefen Zischen geöffnet, hört man das Keuchen der beinahe Stehengelassenen. «Wären Sie jetzt einfach an mir vorbei gefahren?» «Hinter mir fährt noch ein zweiter Bus», besänftigt mein Schofför schroff. Sein Plan war es, die Passagierin seinem Schofför-Kollegen zu überlassen. Beim Anblick ihres wilden Gefuchtels machte er sich aber wohl Sorgen um ihn.




«Wenn Du mich fotografierst, geht der Apparat kaputt», sagt der Scherzbold von Schofför und lacht über seinen absoluten Lieblingsspruch. Von mir gibts ein grossmütiges «HAHAHA» beim ersten Mal, beim dritten Hören noch ein müdes «ha». Mein Wunsch nach einem Foto bringt meinen Schofför jeweils in Fahrt. Auch beliebt: «Hätte ich das gewusst, hätte ich mich heute Morgen noch rasiert.» Vor allem in Riggisberg. Hier sagt es der Schofför, der mich hingefahren hat, wie auch jener, der mich weiterbringt. Als ich letzteren darüber aufkläre, ruft er von seinem zum anderen Bus: «Siggs es strubs Männdli.» «Was seisch?», brüllt der andere zurück. «Ich sags jetzt nicht noch über Funk, sonst hörens alle», sagt er mehr zu sich selber, zeigt seine Zähne und brummelt, «so fertig glauered.» Er dreht den Zündschlüssel.




Manchmal suchen wir sie, die Stille, die Ruhe. Nach Feierabend im Bus kurz innehalte, wunderbar. Ein Bus voll schweigender Pendler, mein Schofför mag das nicht. «Dann habe ich immer das Gefühl, es beobachten mich alle», sagt er, blickt in den linken Rückspiegel. Die schnatternden und aufgeregten Schüler, die mit seinem Postauto zur Schule und wieder zurück fahren, sind ihm viel lieber. Auch die Touristen, die sich bei Sonnenschein in den Bus quetschen, um auf dem Gurnigel die Aussicht zu geniessen.

Video: Fabio Vonarburg; Musik: Sony Classical 

 

Wir halten in Plaffeien. Endstation, ich muss umsteigen. Auf der anderen Strassenseite, aber 30 Meter entfernt, warten bereits zwei Busse der Freiburger Verkehrs AG. Einer der beiden fährt schon los, ich steige hastig aus. «Ab jetzt heissts französisch sprechen», höre ich meinen Schofför noch rufen, kann ihm aber nicht antworten. Ich renne mit meinem Gepäck von Bus zu Bus, hetze vom allerletzten Schofför zum allerersten Chauffeur. Er begrüsst mich auf «Bärndütsch».




«Danke dir, Käthi», sagt mein Schofför, als ihm die ältere Dame, die ihn während der Fahrt vollquasselte, eine zerknitterte gelbe 10-er Note in die Hände drückt, sie ihm unmissverständlich aufzwingt. «Kauf dir was Schönes. Hast es verdient.» «Danke dir.» Ich steige mit ihr um. Neuer Bus, neuer Chauffeur, altes Spiel. «Vielen Dank, Käthi.»

« 1 von 13 »



Den Röstigraben gibt es auch beim Busfahren. Trotz der Gefahr, dass ich Romands  verärgere – es muss einfach raus: Busfahren in der Westschweiz ist zum Heulen. Kaum hat man die Sprachgrenze überfahren, hat eines Seltenheitswert: die Bildschirme, die mir sagen, wo ich bin, wann ich raus muss. Wer zumindest auf eine Durchsage des Chauffeurs hofft, wird enttäuscht. Romands scheinen ihren Landesteil zu kennen wie ihre eigene Westentasche. Das gilt nicht für mich, einen orientierungslosen Deutschschweizer. Ich sitze unruhig auf meinem bunt gesprenkelten Bussitz, schaue verzweifelt aus dem Fenster, versuche anhand der Ortsschilder den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, um auf den roten Knopf zu drücken. Manchmal ist mir dies zu viel Stress und ich mache das, was meine Grossmutter in einer solchen Situation tun würde: Ich frage meinen Chauffeur, ob er mich an der richtigen Haltestelle rauslassen könne.

Beinahe ist die Reise vorbei. Weiter zum letzen Tag

NAVIGATION: Es geht los   Tag 1   Tag 2   Tag 3   Tag 4

Die grosse Busreportage gibt es hier als PDF.

Facebook