Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

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Tag 4: Lausanne bis Chancy

«Sortez», schreit mein Chauffeur. Roter Kopf. Bebende Lippen. Wild zappelnde Krawatte. Moment: Spulen wir zuerst 7 Minuten zurück.

Der Bus steht schon da, der Chauffeur ist noch nirgends. Wir, seine zukünftige Passagiere, warten vor dem verschlossenen Bus, in der Kälte. Jeder, der neu zum Grüppchen stösst, versucht sein Glück, drückt auf den Türöffner. Sie bleibt zu. Dann kommt unser Heilsbringer. Ein Passagier, der früher für das Busunternehmen gearbeitet hat und darum den Geheimknopf an der Schnauze des Busses kennt. Tür auf, alle steigen ein. Jetzt kommt er doch noch, unser Chauffeur, fuchsteufelswild. «QUI A OUVERT LA PORTE!?» Wir blicken uns verstohlen an, der Judas zeigt auf die zweithinterste Sitzreihe. Der Blick des Chauffeurs folgt seinem Finger. .«SORTEZ!» Der Beschuldigte geht zur Tür: «Alors, où est le problème?» Ich will mich halb amüsiert, halb fragend hinsetzen, als der Chauffeur einen drauf legt: «Tout le monde!» Ungläubige Blicke. «Sortez!»

Wir stehen wieder draussen vor der Tür. Vor dem verschlossenen Bus. In der Kälte. Der Unterschied zu vorher: Der Chauffeur sitzt da, wo wir hin möchten. Im warmen Bus. Seine Beine auf der Kasse. Brüskiert. Erzürnt. Gekränkt. Diva. Vier Minuten später, lässt er uns wieder rein. Die Abfahrtszeit ist nah, das Ende seines Wutanfalls fern. Zeternd fährt er los.




Der letzte Bus meiner Reise. Von Petit-Lancy nach Chancy. Nochmals 40 Minuten. Der Bus ist voll. Ich will nach Hause. Pendlerzeit. Doch je weiter wir fahren, desto leerer wird er. Bis letztlich nur noch ich und mein Chauffeur übrig bleiben. Endstation. Ich steige am verlassenen Grenzposten aus. Drei Wohnhäuser. Ein leerer Bus. Und ich. Ein Reporter, der feiert – das Ende seiner Odyssee, das Verwirklichen einer schwachsinnigen Idee, die Grossartigkeit des öffentlichen Verkehrs. Einsam knipse ich ein Selfie vor der letzten Bushaltestelle, wünsche mir eine Flasche Champagner herbei, um sie zu verspritzen. Und eine zweite. Zum Trinken.

Das Selfie an der letzten Haltestelle (Fabio Vonarburg)

Ach ja, und da ist noch er, mein Chauffeur, in seinem Bus pausierend, den historischen Moment versäumend. Vielleicht fragt er sich ab dem Tun seines Fahrgasts, der nur für ein Selfie 30 Minuten hin und wieder zurück fährt. Aber vermutlich macht er sich gar keine Gedanken drüber. Komische Gestalten gehören zum Geschäft.

 

Die Reise ist hier zu Ende. Weiter zu den Statistiken? Zum exakten Fahrplan der Reise? Oder nochmals von vorn?

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Die grosse Busreportage gibt es hier als PDF.

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