Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

Die Spassvögel des Otto-Vereins

«Prost Otti, zum Wohl Otti!» Am Tisch klirren die Gläser, in der Gastwirtschaft drehen sich die Köpfe um. Wenn die 15 Vereinsmitglieder auf ihr Wohl trinken, dann ist ihnen Aufmerksamkeit gewiss. So viele Ottos auf einen Haufen, gibt es nur in den Beizen in Villmergen. Vor 29 Jahren gründete sich der Otto-Verein, dessen Entstehungsort und -zeit nicht schwierig zu erraten ist: am Stammtisch, zur später Stunde.

Wie es sich für eine Beinah-Legende gehört, ist ihre Geschichte bereits niedergeschrieben: «Es trafen sich im Herbst 1986 zu später Stunde ganz zufällig fünf Ottos zur gemütlicher Runde. Zu einem Schlummertrunk ganz schnell, im Rössli am Stammtisch beim Anni und Karli Gsell. Beim Zuprosten, wie könnte es auch anders sein, meint Otto Walti, wir sind ja fast ein Otto-Verein. Das hat dann die Gemüter erregt. Und schon war der Grundstein für den Otto-Verein gelegt.»

Namensvetter verstehen sich

Der 76-jährige Otto Bachmann ist der Dichter und Obmann des Otto-Vereins sowie einer der fünf, die an jenem Sonntagabend vor geraumer Zeit in der Wirtschaft hockten. Dass der Verein derart lange Bestand haben wird, getraute sich damals niemand auch nur zu denken. Zu verschieden schienen die verschiedenen Ottos des Dorfes zu ticken; politisch wie auch beruflich.

Vom Stationsvorsteher, über den Plattenleger, bis hin zum Chocolatier – im Verein sind etliche Berufe vertreten, wobei mittlerweile die meisten Ottos pensioniert sind. Trotz den Unterschieden: «Wenn wir zusammensitzen, haben wir es immer glatt», berichtet Otto Walti, ohne dessen Ausruf es den Verein nicht geben würde. Der Otto-Verein war auch schon im Unterricht des jetzt pensionierten Lehrers ein Thema: «Ein Schüler fragte mich einmal, ‹was macht ihr eigentlich in dem Verein?›»

«Nur habe ich mir den ‹Grind› angeschlagen. War ja klar, als einziger Reformierter der Gruppe.» Otto Walti, Mitglied Otto-Verein

«Im Verein geht es nur um Geselligkeit», sagt Otto Bachmann. Das Jahr hat bei den Ottos vor allem zwei fixe Termine: der Jahresausflug und die jährliche Generalversammlung mit einem Traktandum: Wohin geht es auf der nächsten Reise? Jede zehnte Reise ist ein mehrtägiger Ausflug.

Der bisherige Höhepunkt: der Besuch des Namensvetters Otto von Bamberg. Wer unter dem Grab des 1139 verstorbenen und 1189 heiliggesprochenen Bischofs hindurch kriecht, bleibt der Legende nach frei von Rückenschmerzen. «Ich war erstaunt, dass alle den Spass mitmachten», sagt Otto Walti und Otto Friedli wirft ein: «Nur habe ich mir den ‹Grind› angeschlagen. War ja klar, als einziger Reformierter der Gruppe.»

Bischof gibt ihnen Korb

Die Mächtigen haben es dem Verein angetan. «Otto ist der Name der Könige und Kaiser», erläutert Otto Bachmann, der das Vereinswappen in Eigenregie kreiert und gezeichnet hat. Auf dem Wappen sind die beiden O’s von Otto geschmückt mit Kaiserkrone und Bischofsmütze. Der Versuch, einen lebendigen Bischof einzuladen, scheiterte bisher.

Brieflich lud der Verein den damaligen Bischof von Basel, Otto Wüst, zu ihnen ein. Per Sekretär lehnte er die Einladung aber höflich ab, er sei an diesem Tag schon besetzt. Schade, findet Otto Walti: «Er heisst Otto, er hätte gut in unsere Runde gepasst.»

Im Verein hat es auch Platz für zwei «halbe» Ottos. Sie tragen ihn nur als zweiten Vornamen. «Halber Otto darf man nicht sagen», berichtigt Otto Walti, «wir haben sie adoptiert.» An Vereinstreffen werden die Adoptierten nicht Hermann oder Peter genannt, sondern auch Otto. «Sie haben sich mittlerweile daran gewöhnt», sagt Otto Walti.

Vier Mal so viele Peter

In Villmergen leben 14 (echte) Ottos. Damit ist der Name bei weitem nicht der Spitzenreiter im Dorf. Daniel (65), Peter (65) und Thomas (64) trifft man in Villmergen viel häufiger an. Der zahlreichste Frauenname im Dorf ist Maria (60). Beliebt ist der Name Otto bei Eltern schon lange nicht mehr.

Als der heute älteste des Vereins, Otto Wey, 1927 auf die Welt kam, war er in dem Jahr einer von 127 Ottos. Im Vergleich: 2014 wurden schweizweit nur drei Ottos geboren. In Villmergen gab es kein Baby namens Otto, seit es den Verein gibt. Dabei warten die Mitglieder sehnlichst auf Nachwuchs.

«Dann müsste man die grosse Glocke läuten», sagt Otto Walti, «und ich würde wieder einmal Orgel spielen.» «Wir anderen singen dann einen Choral dazu», sagt Otto Friedli. Um der Festlichkeit das i-Tüpfelchen aufzusetzen, würden sie sicher auch ihren förmlicheren Namen hervorholen und sich gegenseitig Otto nennen. Denn das tun sie nur sonntags; werktags sagen sie einander Otti. «Otto ist einfach viel festlicher. Sonntags trägt man ja auch die Sonntagshose», erklärt Otto Bachmann den Brauch.

«Wohin gehen wir eigentlich im nächsten Jahr bei unserer Reise?», fragt der älteste Otto die anderen drei. «Es ist unsere Dreissigste. Wie wäre es mit einem Helikopterflug?» «Geflogen sind wir wirklich noch nie», bestätigt Otto Walti und ergänzt: «Aber ich warne euch, ich steige in keinen Ballon.»

Erschienen: Aargauer Zeitung (08.12.2015)
Foto: Fabio Vonarburg

Facebooktwittergoogle_plus
Menschen

Fabio Vonarburg • 8. Februar 2016


Previous Post

Next Post

Schreibe einen Kommentar