Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

Die Wahlurne hat ausgedient

Vor allem in den kleinen Gemeinden herrscht in den Wahllokalen gähnende Leere. Gab an den Nationalratswahlen 2003 noch jeder fünfte Freiämter seine Stimme an der Urne ab, war es im vergangenen Herbst noch knapp jeder Zwanzigste. Zwar hatte der Brief die Wahlurne schon längst als beliebtestes Abstimmungsverfahren abgelöst, doch nun ist gar deren Existenz bedroht. Denn der Trend der letzten Jahre wird nicht plötzlich abreissen. Es ist absurd, bei dieser Ausgangslage die Gemeinden weiterhin per Gesetz zu zwingen, an Wahl- und Abstimmungstagen eine Urne anzubieten. Die Gemeinden sollten von dieser Pflicht entbunden werden und man sollte ihnen die Entscheidung selber überlassen.

Wer nun poltert: «Wir müssen unsere Tradition wahren», ignoriert die nackten Zahlen. Diese sprechen eine klare Sprache: Die Wähler ziehen die Bequemlichkeit der Briefwahl der Tradition der Urne vor. Eine nicht gelebte Tradition ist eine tote Tradition.

Wer nun klagt: «Das ist ein Abbau der Dienstleistungen am Bürger», lässt ausser Acht, dass sich für diesen eigentlich nichts ändert. Noch immer könnte er am Sonntagmorgen sprichwörtlich in letzter Minute seine Stimme abgeben. Statt wie bisher ins Urnenlokal zu eilen, würde er das Abstimmungskuvert in den Briefkasten der Gemeindeverwaltung werfen. Klar, vom Gefühl her wärs nicht dasselbe. Doch es ist nicht die Aufgabe des Staates, einen Bruchteil seiner Bürger aus Gründen der Nostalgie zu verwöhnen, sondern dafür zu sorgen, dass jeder wählen kann. Und dies wäre weiterhin gewährleistet, ganz ohne Leistungsabbau.

Sehen wir der Tatsache ins Auge: Die Urne hat ausgedient. Die Zukunft gehört der brieflichen Wahl und – hoffentlich möglichst bald – dem E-Voting.

Erschienen: Aargauer Zeitung (27.01.2016)
Foto: Holger Lang/pixelio

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Meinung

Fabio Vonarburg • 1. Februar 2016


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