Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

„Er sprang mich mit der Mistgabel an“

Was bleibt nach dem Tod? Michael Leonz Wetli starb vor über 130 Jahren, trotzdem ging er nicht vergessen. An sein Leben erinnern kunstvolle Möbelstücke, die er als Möbelfabrikant herstellte; ein Porträt, das sein Göttibub, Neffe und bekannter Solothurner Künstler, von ihm malte (siehe Kasten); und 280 Seiten, auf denen er im Alter von über 70 Jahren seine Erinnerungen festhielt. Dadurch lässt er uns an seiner Kindheit vor 200 Jahren in Oberwil und Berikon teilhaben und schildert in seinen unveröffentlichten Memoiren (sprachlich bearbeitet), wie seine Familie mit dem Tod des Vaters zu kämpfen hatte und was die Zweitheirat seiner Mutter für die Kinder bedeutete. Michael Leonz Wetli über:

… den Tod seines Vaters und was dies für die Familie bedeutete

«Im Sommer 1813, ich war drei Jahre alt, starb mein Vater im Alter von 47 Jahren. Als er im Sarge lag, legte mich mein Götti zu ihm hinein, es sollte mir zur Erinnerung sein. Wir waren sechs unerzogene Kinder: Fünf Knaben und ein Mädchen, der Jüngste ein Jahr alt und eins kam noch nach sechs Monaten zur Welt, ein Mädchen, das dann zum Glück gestorben ist. So lebte meine Mutter mit uns Kindern in sehr bedrängten Umständen.»

… den Beitrag, den auch die Kinder zum Erwerb leisten mussten

«Neben der Schule mussten wir Strohflecht machen, von morgens 5 bis 8 Uhr, von 11 bis 1 Uhr und am Abend von 4 bis 10 Uhr. Einem jeden wurde aufgegeben, wie viel er flechten müsse und wenn man nicht fertig wurde, so gab es Strafe mit der Rute. Da hiess es die Hosen herunterlassen, da wurde einer nach dem anderen durchgepeitscht. Weil ich bereitwillig herhielt, schenkte mir die Mutter meine Strafe öfters. Das Flechten habe ich niemals gerne getan, es war mir eine Pein, besonders an den Vakanztagen, wo wir den ganzen Tag über Flechten mussten.»

… die Zweitheirat seiner Mutter und die Folgen für die Kinder

«Meine Mutter setzte mich sofort in Kenntnis von ihrem Vorhaben. Es machte ihr viel Mühe und Kummer, uns Kinder zu verlassen und sie weinte deswegen. Ihr Beichtvater kannte meinen Stiefvater und gab ihr Rat, wie sie sich mit ihm arrangieren sollte. Mein Stiefvater müsse sich verpflichten, die zwei jüngsten Kinder zu sich zu nehmen und unentgeltlich zu erziehen. Das waren ich und mein Bruder Heinrich. Er war sieben und ich neun Jahre alt und der dritte, Kaspar über 12 Jahre alt. Er war immer ein Liebling der Mutter und war in all seinem Tun geschmeidig und flink wie ein Vogel.

Letztlich wurde folgendes Arrangement getroffen: Mein Stiefvater wollte den jüngsten Heinrich und den 3. Kaspar zu sich nehmen, weil er auch ein kräftiger Bursche nötig hatte, so passte der Kaspar besser als ich. Ich (9), meine Schwester (16) und der älteste Bruder (17), sollten noch ein Jahr in unserem bisherigen Zuhause in Oberwil zusammenbleiben. Nachher werde man das Land auslehnen und versuchen, uns bei fremden Leuten zu platzieren.»

… die unglücklichste Zeit seines Lebens

«Ich war dreizehn Jahre alt und wurde nach Bremgarten zum Kreuzwirt geschickt. Ich trieb die Pferde, musste melken, die Kühe füttern und dem Knecht helfen, seine Pferde zu putzen und zu füttern. Der Knecht war ein stolzer, brutaler Mann, die meiste Zeit besoffen und fürchterlich jähzornig. Ich konnte ihm nichts recht machen. Ich war ihm zu schwach mit den Pferden und nicht so fähig wie mein Vorgänger. Bei der Herrschaft verschimpfte er mich und traktierte mich, sodass mir das Leben verleidete. Einmal, als er besoffen war, sprang er in seiner Wut mit der Mistgabel auf mich los, als wollte er mich erstechen. Ein andermal war es ihm zu bunt und er prügelte mich durch. Ich fing an, mich unglücklich zu fühlen. Ein Nachbarknecht von Arni hatte Mitleid mit mir. Dieser berichtete einmal jemanden, sodass ich es hörte, wie unglücklich solche Kinder seien, die die Eltern verliessen, wie sie ‹umegschupft› werden. Meine Mutter müsse ein rechtes Luder sein, dass diese von Kindern weggeheiratet habe. Das kränkte mich sehr, ein solches Urteil über sie zu hören. Er meinte es gut mit mir, aber kannte unsere Verhältnisse nicht.»

… wie ihm das Bauerngeschäft als Jugendlicher verleidete

«Ich musste auch auf dem Land allerlei Arbeit verrichten. Beim Ackertreiben bin ich um die Mittagszeit hungrig und schläfrig geworden, dass ich beim Vieh umgefallen bin. Da ist mir doch das Bauerngeschäft verleidet und ich wünschte mir, einen Beruf zu erlernen. Wir hatten Zimmerleute auf der Stör. Denen musste ich einige Tage helfen. Da war ich im Himmel und es war mir eine Freude, das war mein Element. Was der Zimmermann alles zeichnete, so machte ich es auch nach.»

… wie sein Stiefvater seine erste Frau kennenlernte

«Mein Stiefvater war ein eigener Mensch. Er erzählte oft die Geschichte, über die Heirat seiner ersten Frau: Es lebten in Oberberikon zwei Schwestern, Näherinnen. Mein Stiefvater (Cornel Gerig) ging zu ihnen und sagte: ‹Ich komme, um eine von euch zwei zu heiraten. Welche ist mir egal.› Sie dachten erst, er mache Spass, doch es war ihm ernst. Er entschloss sich zugleich und acht Tage später war er verheiratet. Er lebte ein Jahr mit ihr, dann verstarb sie im Kindsbett.»


Michael Leonz Wetli: Eines seiner Möbelstücke erwarb die britische Königsfamilie

In seiner Jugendzeit hatte Michael Wetli (1809 – 1886) einen Wunsch: einen Beruf zu erlernen. Am 5. April 1826 begann er seine Lehre beim Schreinermeister Biedermann in Solothurn und gründete 1836 eine Möbelhandlung an der Junkergasse 1 in Bern. Noch heute kann man an dessen Fassade «Wetli AG» lesen. Aus dem in einfachen Verhältnissen aufgewachsenen Kind wurde ein bekannter Schweizer Fabrikant, der kunstvoll verzierte Möbel herstellte. Für diese hatte er teils berühmte Abnehmer. Einer von ihnen: Prinz Albert. Dieser erwarb an der ersten Weltausstellung in London 1851 ein Schreibpult von Wetli, verziert mit diversen Schweizer Motiven: Zwei Sennen am Schwingen, ein bärtiger Steinstosser oder ein Alpaufzug. Zu der Zeit plante der Ehemann von Königin Victoria, ein Swiss Cottage zu errichten. Wie Michael Wetli aussah, weiss man noch heute, auch dank dem Solothurner Maler Frank Buchser, dem Neffen und Göttibuben von Wetli. Dieser malte im August 1879 ein Porträt von seinem Onkel, das der Familienüberlieferung zufolge in Buchsers Garten in Feldbrunnen entstand. Das Gemälde «Michael Wetli mit Strohhut» stand schon kurz darauf im Schaufenster der Möbelhandlung in Bern. Seit 2015 gehört es zur Sammlung des Frank-Buchser-Museums, eine Kopie kann auch im Foyer des Kunstmuseums in Solothurn betrachtet werden. «Dieses Porträt Michael Wetlis ist wohl das künstlerisch bedeutendste und menschlich wahrste, das in der zweiten Jahrhunderthälfte einen bodenständigen Schweizer Fabrikanten eigener Kraft darstellt», schrieb Gottfried Wälchli in seinem Buch, «Frank Buchser – Leben und Werk». Eine Anekdote am Rande: Michael Wetli bezahlte seinen Neffen mit Möbeln.


Erschienen: Aargauer Zeitung (19.02.2016)
Bild: Frank Buchser

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Fabio Vonarburg • 13. Februar 2016


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