Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

Fabiolöse Biografie: Ich tanze Pirouetten

Teil 1 meiner fabiolösen Biografie*

* Einige Details Angaben entsprechen nicht der Wahrheit.

 

Tränen kullerten als nicht enden wollendes Rinnsal meine zartrosa überhauchten Wangen hinab. Ich hatte es gewagt, mich – wie von meinem Therapeuten gefordert – meinen tiefsten Ängsten gestellt. Ein Schritt, dessen Überwindung mich meiner letzten inneren Kraftreserven raubte. Ein Schritt, der mich zurück in die Vergangenheit versetzte. Ein Schritt, der mich in die Eishalle führte.

Jedes Mädchen und jeder Bursche hat zumeist einen Traumberuf vor Augen. In meiner Klasse wollten die Mädchen Krankenschwester oder Lehrerin werden, die Knaben verfolgten meist das realistische Ziel des Fußballstars. Eine solch am Leben orientierte Zielsetzung entsprach jedoch nie meinem Naturell. Ich hatte ganz andere, viel höher strebende Vorstellungen von meinem zukünftigen Berufsleben: Ich wollte Eiskunstläufer werden! Ein Traum, dessen Erfüllung mir jedoch nie vergönnt werden würde. Glücklicherweise war mir dies damals nicht bewusst. Es hätte einem kleinen Jungen das Herz gebrochen. Doch der Reihe nach.

Alles begann 1994. Wie jeder andere 6-jährige Junge war ich im Sommer begeisterter Fußballer, im Winter trug meine Leidenschaft den Namen Eishockey. Ich befand mich gerade während einer Schulstunde mit meiner damaligen Klasse auf dem Eis, als etwas geschah, das mein Leben verändern sollte. Die Filmmusik von „Legend of the fall“ (der Kölner Stadt-Anzeiger titulierte den Film schlicht als „peinlich“) durchrieselte leise die Eishalle. Ich war gerade wie so oft im Besitz des Pucks und spürte sofort, dass meine Beine mir nicht mehr gehorchten. Wie von Geisterhand gesteuert, fing ich an, zur Musik zu tanzen. Ohne dass ich mir meiner Bewegungen wirklich bewusst war, gelang ich durch Druckverlagerung auf die Innenkante der Schiene meiner Schlittschuhe und sprang rückwärts ab, vollführte in der Luft eine 360-Grad-Rotation und landete mit meinen gewetzten, scharfkantigen Kufen samtweich auf dem stahlharten Eis. Das war der Beginn einer Liebesgeschichte.

In den kommenden Tagen
, Wochen und Jahren weihte mich mein kurzfristig angeheuerter, russischer Eiskunstlauf-Lehrer – Dimitrij Smirnov  – in die bekannten, aber auch unbekannten Geheimnisse der Sportart ein. So erfuhr ich auch den Namen meines jungfräulichen Sprunges: Salchow. Ob Axel, Lutz, Rittberger oder Flip – schon nach wenigen Jahren intensiven Trainings konnte ich sie alle dreifach. Und mein neues Lieblingsbuch „Le vrai patineur ou les principes sur l`art de patiner avec grâce“ des Franzosen Jean Garcin hatte alsbald mehr Eselsohren als Seiten.  Als ich Jubiläum feierte, sprich mein zehntes Lebensjahr vollendete, war es endlich soweit. Der erste Wettkampf meiner noch jungen Karriere stand vor der Tür.

Kurz vor dem großen Tag kam es jedoch zum apokalyptischen Zerwürfnis: Das Kostüm – die Bezeichnung „Kleid“ würde besser zu diesem abscheulichen Ding passen, das ich anziehen sollte – funkelte! Natürlich war mir auch schon aufgefallen, dass Eiskunstläufer, egal ob Mann oder Frau, meist in funkelnden Kleidern über das Eis hüpfen, aber dass es beinahe eine Voraussetzung ist, war mir bis zu diesem Moment nicht bewusst. Mein Trainer stellte mich vor die Wahl: Entweder schlüpfte ich sofort in das unzweckmäßig strammsitzende, gold und silbrig funkelnde Kleid oder ich musste dem Eiskunstlauf auf ewig abschwören. Ein schwarzer Tag für das Eiskunstlaufen. Ein großer Sport hätte noch größer werden können…

 

Ihr wollt den Salchow-Sprung selber ausprobieren? Hier zeigt euch ein Eiskunstläufer, wie’s geht.

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Fabiolöse BiografieKolumne

Fabio Vonarburg • 16. November 2016


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