Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

Ich bin der Meister der Kasse

Ich gebe es zu: Meine Weihnachtsgeschenke kaufe ich immer auf den letzten Drücker. Auch für diese Weihnachten bin ich noch nicht bereit. Für einen Tag stürze ich mich aber nicht unter die Kaufwütigen, sondern wechsle die Seiten und stehe im Manor Wohlen hinter der Kasse. Filialleiter Laurent Hugentobler freuts: «Im Dezember sind wir froh, um jeden zusätzlichen Mitarbeiter.»

9.30 Uhr: Kaum stehe ich hinter der Kasse, kommt schon meine erste Kundin. Sie kauft 12 Ordner – was ein ungewöhnliches Geschenk wäre. Oder sind Ordner die neuen Socken – praktisch, aber unsexy? An Weihnachten suche ich meine noch ungeöffneten Geschenke immer nach Socken ab, um sie gleich zu Beginn auszupacken. Diese Weihnachten muss ich meine Strategie anpassen: Ich halte auch nach Ordner Ausschau.

9.45 Uhr: Hugentobler, der mir bisher über die Schulter bei der Arbeit zusah, macht sich von dannen. «Sie kommen klar?», fragt er rhetorisch zum Abschied. «Die Verkäuferinnen sind für Sie da.» Ich bin der Meister der Kasse – kommt das gut?

10.12 Uhr: Die erste Schlange bildet sich vor meiner Kasse. Gleich fünf Kunden warten auf meine Dienste, die Ersten blicken ungeduldig auf ihre Uhr. Ganz ruhig Fabio, ermutige ich mich; Kunde um Kunde.

10.30 Uhr: Bis jetzt läufts, die Kasse und ich verstehen uns. Dabei profitiere ich von meinen Erfahrungen aus Aushilfsverkäufer zu meinen Studentenzeiten. Noch bin ich aber ein wenig orientierungslos. Wo sind die Taschen, wo das Geschenkpapier, wo der Tacker?

10.40 Uhr: Durchschnaufen – die Kolleginnen schicken mich in die Pause. Auf dem Weg in den Aufenthaltsraum komme ich am Päckchentisch vorbei. Verkäuferin Senada Elshani wartet gerade auf Kunden. Eine Seltenheit. «Am Samstag packten wir 130 Geschenke ein», berichtet sie.

12.10 Uhr: Der Päckchentisch hat über den Mittag geschlossen. Das bedeutet: Die Verkäufer an der Kasse müssen einpacken. Bisher kann ich alle Einpack-Wünsche meiner Kunden erfolgreich an die Kolleginnen abschieben. Kollegenschwein? Nein, ich sage kundenfreundlich. Ich habe schlicht und einfach kein Talent fürs Einpacken. Was ich kreativ nenne, bezeichnen andere als hässlich. Ertragen muss es nur eine Randgruppe: meine Familie – immer an Weihnachten und Geburtstagen.

12.40 Uhr: Wieder ein Paketwunsch weitergeleitet. Dabei kommt mir wieder in den Sinn, was das Schlimmste war, das ich jemals als Aushilfsverkäufer einpacken musste: einen Fussball. Wie packt man so ein rundes Ding ein? Wer eine Anleitung hat, bitte zusenden. Übrigens: Es war erstaunlich, dass der damalige Kunde nicht reklamiert hat.

13.04 Uhr: «Was machen Sie noch hier?», fragt Hugentobler, übernimmt meine Kasse und schickt mich in die Mittagspause. Ich esse einen Burger am Kebabstand gegenüber.

14.04 Uhr: Pünktlich bin ich zurück. Komplett erholt fühle ich mich auch nach dieser Stunde nicht.

14.34 Uhr: Ein Kunde kauft einen Reisigbesen. «Ein Weihnachtsgeschenk?», frage ich ihn. «Natürlich», sagt er und lacht. «Um die letzten Laubblätter wegzuwischen.» Hätten die Meteorologen weisse Weihnachten verkündet, wäre wohl eine Schneeschaufel über den Ladentisch gegangen.

15.05 Uhr: Gleich hintereinander zwei unterschiedliche Kunden: Zuerst ein Mann, der ungeduldig mit seiner EC-Karte auf den Tisch klopft, bis der Journalist/Verkäufer endlich fertig mit Kassieren ist. Danach die ältere Dame, die mich nur selig anlächelt. Das mag ich.

15.40 Uhr: Pause. Die Zeit ist schnell vergangen und ich blicke erstaunt. So erstaunt, dass die Kollegin sich entschuldigt, dass sie mich «schon» in die Pause schickt.

17.26 Uhr: Der Alarm beim Ausgang schrillt, eine Verkäuferin ruft «halt», die betroffene Kundin bleibt erstaunt stehen. Schuld an der ganzen Aufregung bin ich. Ich vergass, das gekaufte Parfüm zu entsichern.

18.03 Uhr: «Timeout», sagt die Kollegin. Zum ersten Mal seit gefühlten Stunden will niemand etwas kaufen. Zeit zum Durchatmen und sich strecken. Langsam macht sich das lange Stehen bemerkbar und ich vermisse meinen Bürostuhl. Ich gebe es ja zu, ich bin ein verwöhnter Bürohengst.

19.01 Uhr: Die letzte Kundin, nochmals kommt Hektik auf. Während ich einkassiere, macht sie sich auf die Suche nach dem verlorenen Deckel einer Cremetube und schickt ihre Kinder schon mal voraus zum Päckchentisch. In diesem Moment gehen aber die ersten Lichter aus. Dafür gebe ich ihnen zwei Rollen Geschenkpapier mit. «Oh, so viel», sagt das etwa sechsjährige Kind, «wie viel kosten die?» «Die gebe ich euch gratis mit», antworte ich. «Wow.»

Nach Feierabend: Schluss mit Arbeiten? Keineswegs, die Fortsetzung folgt in der Nacht. Denn in meinen Träumen kassiere ich fleissig weiter.

Erschienen: Aargauer Zeitung (23.12.2015)
Foto: Dominic Kobelt

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Repolumne

Fabio Vonarburg • 24. Dezember 2015


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