Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

The Hooters, völlig losgelöst

Die Menge tobt, die Band tanzt, der Gesang inbrünstig: „Völlig losgelöst von der Erde, schwebt das Raumschiff völlig schwerelos.“ Ich, 27 Jahre alt, verwirrt, verwundert, begeistert, muss mich versichern: Nein, ich bin an keiner Ü40-Bravo-Hits-Party – ich bin im Rosenfelspark, am Stimmenfestival, und auf der Bühne steht The Hooters, eine amerikanische Rock-Band aus Philadelphia. Really?

Als The Hooters am 4. Juli 1980 im Club Mattie’s Place in Levitton, Philadelphia, ihr Premierenkonzert gaben, war ich noch nirgends, hatte noch nicht mal die Gelegenheit, mir ihre Musik passiv durch den Uterus reinzuziehen. 35 Jahre später, am Sonntagabend in Lörrach, stand ich mitten in einem Publikum, von denen mehr als die Hälfte meine Väter und Mütter sein könnten. Grosseltern weniger, dafür bin ich mittlerweile selber zu alt.

Trotzdem, auch ich kenne die Hymnen, welche The Hooters in den 80er- und 90er-Jahren geschaffen haben. „All You Zombies“, „Satellite“, „500 Miles“. Der Rest des Publikums kennt sie aber noch deutlich besser. Jeweils nach zwei Sekunden, kaum ist der erste Akkord erklungen, johlt das Publikum, pfeift und klatscht frenetisch. Das Wort „Wiedererkennungsbeifall“ beschreibt es am besten. Es ist auch der Grund, warum die meisten nach Lörrach gereist sind: Um der alten Zeiten willen. Let’s play rock ’n’roll.

Wie ihr eigenes Musical

The Hooters, mit ihren beiden Köpfen Eric Bazilian und Rob Hyman, werden den Erwartungen gerecht, bieten das, was das Publikum von ihnen erwartet. Ihre alten Hits und eine gute Show. In der ersten Dreiviertelstunde ist die Show fast zu gut. Alles zu einstudiert, zu übertrieben, zu unecht. Die Bewegungen auf der Bühne scheinen aus der Feder eines Choreografen zu stammen. Jedes Bandmitglied scheint zu wissen, was es wann zu tun oder zu lassen hat.

Dazu kommt ein Rob Hyman am Keyboard, der gelinde gesagt, wie ein überdrehter DJ wirkt. Braucht er mal nicht beide Hände am Instrument, spielt er Luftgitarre, zeigt mit dem Zeigfinger seiner ausgestreckten Hand irgendwohin, oder tut so, als breite er seine Flügel aus. Der erste Konzertteil kurz zusammengefasst:

Es war, als ob Eric Bazilian und Rob Hyman in ihrem eigenen Musical auftraten. Sie spielten die Rocker, sind aber keine. Keine mehr. Die Stimmung schwappt nur langsam auf die Zuhörer über. Selbst beim Hit «All You Zombies» ist noch nichts von einem losgelösten Menschenmenge zu spüren. Es wird geschunkelt, that’s it.

„Eine gute Flasche Wein“

Dann folgt die Explosion. The Hooters beginnen, Songs auf deutsch zu singen – und schon fühlt man sich nicht mehr an einem Rock-, sondern einem Schlagerkonzert. „Ein gute Flasche Wein, du bist nicht bei mir, aber ich bin nicht allein. Hier mit’em grossen Bier, Pissing in the Rhein.“

Für den Rest des Konzertes verwandelt sich der an eine Waldlichtung erinnernde Rosenfelspark in ein Pub, mit einer Band, die auf dem Tresen tanzt und einem Publikum, das bei jedem Song mitgrölt. Zur guten Stimmung trägt die musikalische Vielfalt der Band bei. Erstaunlich, zu wie vielen Instrumenten Eric Bazilian greift: Gitarre, Saxofon, Mundharmonika und sogar eine Blockflöte. Eric ruft ins Publikum: „Rock ’n’ Roll really keeps you fucking young!“

Szenenwechsel: Lörrach, Bahnhof Museum/Burghof, eine halbe Stunde nach dem Konzert. Basler auf dem Weg nach Hause. Zwei Konzertbesucher kennen sich. „He, du alter Rocker“, begrüsst der eine den anderen. „Gleichfalls. Das Konzert war Bombe.“ Kurz darauf: „Schmerzen deine Beine auch vom langen Stehen?“ „Ich spüre es dann erst morgen. Wir sind nicht mehr zwanzig.“

Erschienen: Basellandschaftliche Zeitung, 28.Juli 2015

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Repolumne

Fabio Vonarburg • 1. Dezember 2015


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