Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

Kunstmuseum, du hast 30 Minuten

Menschen, die stundenlang ein Gemälde anstarren – ich habe sie nie verstanden. „Kulturbanause!“ werden jetzt viele schreien und haben gar nicht mal so unrecht. Das einzige Kunstmuseum, das ich jemals besuchte, war das Tinguely Museum in Basel. Mein zehnjähriges Ich war begeistert. Kein Qualitätsmerkmal: Als Kind war ich von allem begeistert, das sich auf Knopfdruck bewegte. Wenn ich ehrlich bin, daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Ansonsten ist für mich Kunst nur eine nette Art zu dekorieren. Doch ich gebiete Besserung. Zumindest für 30 Minuten. Diese Zeit gewähre ich der Kunst, mich von ihr zu überzeugen.

Das Aargauer Kunstmuseum bekommt diese undankbare Aufgabe zugeteilt und stellt mich schon vor dem Eingang auf die Probe. ICH DAS BILD ICH SEHE, steht gross auf dem Dach und überfordert mich ein erstes Mal. In der Empfangshalle wird es nicht besser. Eine grosse weisse Kiste ist neben der Tür aufgestellt, versehen mit einem Loch in der Grösse eines Pins. Obwohl der Schriftzug „Recycling“ den scheinbaren Sinn der Kiste erklärt, bleibe ich ratlos zurück. Ein Kunstobjekt, das sich mit der Verbrauchsgesellschaft auseinandersetzt? Die Empfangsdame mit Brille und Pudelfrisur überreicht mir das Eintrittsticket oder das, was ein Ticket darstellen soll. Meine bestmögliche Beschreibung: ein kleines blaues Plastikding. Ich betrete die Sonderausstellung einer schweizer Künstlerin. Die Gemälde in den ersten Räumen erschlagen mich. Raum 1: Bäume, die sich im Sturm winden. Raum 2: Nackte Körper, mitsamt entblössten Brüste und erigierten Schwänzen. Raum 3: düstere Schwarzweiss Malerei. Meine Stimmung: bedrückt. Wollte die Künstlerin dieses Gefühl hervorrufen, dann versteht sie ihr Fach. Ich wechsle das Stockwerk.

Das allererste was mir hier auffällt, die bereitstehenden Klappstühle. Menschen treffe ich wenige. Nur zwei ältere Damen streifen einzeln durch Räume. Ich bleibe nun länger vor den einzelnen Gemälde stehen, was nicht nur an den goldglänzenden Rahmen liegt. Ein Bauer am Pflügen, ein Junge der gemütlich auf einer Wiese liegt, eine Beerdigung. Endlich – Bilder, Emotionen, die ich verstehe. Ich starte mein letztes Vorhaben: Fünf Minuten ein einzelnes Gemälde betrachten; so wie man das halt so macht in einem Museum. Stoppuhr Start. Das Bild zeigt einen roten Baum. Am Boden ist er umgeben von einem dunklen Violett, in der Luft von einem hellen, klaren Blau. Ich lege meine rechte Hand um mein Kinn, streiche gedankenverloren über meinen Bart und hoffe, dass ich für Aussenstehende wie ein Kunstexperte erscheine oder zumindest wie ein Kunststudent. Der rote Baum, ein Mensch der sich gegen Umweltgifte wehrt? Die Künstlerin würde die Augen verdrehen. Schon bald schweifen meine Gedanken ab. Ich wünsche mir einen Klappstuhl herbei. Nach gefühlten fünf Minuten – Stoppuhr Stopp. 6:13 zeigt das Zifferblatt. Vielleicht besteht doch noch Hoffnung. Beim Ausgang erlebe ich einen naturmuseummässigen Aha-Effekt. Die Recycling-Kiste ist für das Ticket und gar kein Kunstobjekt. Oder? Ich werfe das kleine blaue Plastikding hinein und verlasse hastig das Gebäude. Zurück in die Welt, die ich verstehe.

Foto: Carsten Przygoda/pixelio

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Repolumne

Fabio Vonarburg • 15. Februar 2016


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