Fabio Vonarburg

Journalist. Hofnarr. Kressezüchter.

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Zahnfee, Maniac Cop und Mary Blockins

Auf acht Rädern rollt die Spielerin des Teams Schwarz heran. Ihre roten Haare flattern im Fahrtwind, ihr Blick entschlossen, furchtlos. Vor ihr eine menschliche weisse Wand. Vier Gegnerinnen, die nur eines wollen: Sie stoppen. Um die ersten beiden kurvt sie herum, als wären es Trainingshütchen, doch die nächsten zwei sind wachsam. Schulter an Schulter stellen sich die Gegnerinnen ihr in den Weg. Sie versucht es durch die Mitte, prallt ab, fällt um, rappelt sich auf, versuchts erneut, stürzt, steht wieder auf. Kein Durchkommen, keine weiteren Punkte

Roller Derby, die Vollkontakt-Sportart auf Rollschuhen, hat seit diesem Wochenende endgültig Basel erreicht. Das Basel Derbygirl Kollektiv führte ihr erstes Spiel durch. Ein Freundschaftsspiel, ein sogenanntes «Scrimmage». Das Spiel stark vereinfacht erklärt: Jeweils fünf Frauen beider Teams stehen auf dem ovalen Spielfeld. Je vier Blockerinnen und eine Jammerin, die man am Helm mit dem Stern erkennt. Das Ziel der Jammerin: Die Blockerinnen des gegnerischen Teams zu überrunden. Für jede überrundete Spielerin gibt es einen Punkt. Die Aufgabe der Blockerinnen: genau dies zu verhindern und der eigenen Jammerin beim Überrunden zu helfen.

Die Zahnfee auf Rollschuhen

Die Zahnfee lacht. Das Basel Derbygirl Kollektiv hat ihr erstes Spiel gewonnen: 192 zu 154. «Nicht wegen mir», sagt die Zahnfee, die von allen nur Fee gerufen wird und mit richtigem Namen Fabienne Meier heisst. In der Welt der Roller Derby trägt jeder einen Fantasienamen, den Derby Namen. So kurz nach dem Spiel wirkt die Zahnfee erschöpft, ihre roten Haare fallen ihr verschwitzt ins Gesicht, ihr Gang leicht torkelnd. Die letzte Stunde fuhr sie auf Rollschuhen im Kreis, fiel etliche Male hin, rappelte sich wieder auf. Punkte machte sie nur wenige, auch beim Blocken gehörte sie nicht zu den Besten. Sie habe noch viel zu lernen, sagt die Anfängerin.

Nur sechs, der sechzehn aktiven Vereinsmitgliederinnen dürfen überhaupt schon an einem Wettkampf teilnehmen. Die anderen haben die dazu nötige Prüfung noch nicht abgelegt oder nicht bestanden. Bei der praktischen werden die Fahrfähigkeiten, wie Bremsen, Geschwindigkeit, korrektes Blocken geprüft, bei der theoretischen das Regelwerk abgefragt, das 70-Seiten umfasst. Die Regeln im Roller Derby sind kompliziert, das Spiel unübersichtlich, schnell. Dies zeigt sich an der Zahl Schiedsrichter, von denen es sieben pro Spiel gibt.

Maniac Cops strenger Blick

Maniac Cops Blick ist fokussiert. Weder die rufenden Zuschauer auf der Tribüne noch die Fotografen rings um das Feld lenken ihn bei seiner Aufgabe ab: Fouls erkennen. Im typisch schwarz-weiss gestreiften Schiedsrichter Hemd steht der Hüne mit blonden Kinnbart auf seinen Rollschuhen und fährt am rechten Spielfeldrand auf und ab, immer knapp vor den Blockerinnen. Bis der Headschiedsrichter, Saturday Boat Fever, pfeift und den Spielzug als beendet erklärt. Hinter Maniac Cop steckt Andreas Laederich. Der 45-Jährige spielte früher Inline Hockey und hat als Schiedsrichter beim Basel Derbygirl Kollektiv seine neue sportliche Heimat gefunden. «Ich bewege mich, muss aber nicht mehr voll ran.» Gefordert sei er vor allem mental. Alle Fouls zu sehen sei anspruchsvoll. Sein Derby Name setzt sich zusammen aus einem seiner Lieblingshorrorfilme und seinem ehemaligen Beruf. Auf die Idee kam der frühere Polizist, als er den Regisseur des Films Maniac traf. «Er sagte zu mir, er hätte mich für eine Rolle brauchen können. Ab da war der Fall klar.»

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Roller Derby war vor seiner Neuausrichtung im Jahr 1999 ähnlich dem Wrestling. Die Show stand im Vordergrund. Der sportliche Wert ist in den letzten Jahren gestiegen, einige Showelemente sind aber geblieben, so die Derby Namen. Beim Basler Team sind es vielfach veränderte Namen von Märchengestalten, wie Totkäppchen und Crapunzel. Oder einfach Killer Barbie.

Mary Blockins als Zuschauerin

Mary Blockins ist zum Zuschauen verdammt. Im Training vor einigen Monaten stürzte Irène Gramelsbacher – Schulter kaputt. Bis zuletzt hoffte sie, dass es zum Spiel reicht. Doch vor einer Woche entschied ihr Arzt, dass sie weitere vier Wochen pausieren muss. Ärgerlich. Die Präsidentin des Sportvereins hatte dennoch genug zu tun. Während des Spiels stand sie im Mittelkreis und rief jeweils zum Start der nächsten Session: «Five Seconds» und sorgte hinter den Kulissen mit dafür, dass das erste «Scrimmage» erfolgreich ablief.

Einen kleinen Unfall gab es auch im Spiel. Eine Spielerin des weissen Teams stürzt unglücklich. Verdacht auf eine Bänderverletzung. Schwere Verletzungen sind aber selten. Doch wer am Tag nach dem Spiel keine blauen Flecken aufweisen kann, hat etwas falsch gemacht. Geschützt sind die Spielerinnen nebst dem Helm mit Hand-, Knie-, Ellbogen- und Zahnschutz. Letzteres stellt sicher, dass es für die Zahnfee keine Zähne einzusammeln gibt.

Keine Püppchen

Der Daumen der Zahnfee ist nach dem Spiel gepflastert. Was ist passiert? «Ach das», sagt sie und verwirft die Hände. «Ein Sturz und danach hat es leicht geblutet. Aber schreib das nicht, das ist gar nichts und klingt lächerlich, wenn es in der Zeitung steht.» Genau das gefällt Maniac Cop an der Sportart. «Die Frauen können einstecken. Sie sind keine Püppchen.» Einfach keine Püppchen oder doch einen Dachschaden? «Klar haben wir den», sagt Mary Blockins und grinst, «aber hat den nicht jeder?». Fühlen Sie sich angesprochen? Das Basel Derbygirl Kollektiv sucht weiterhin Spielerinnen und Schiedsrichter.

Roller Derby Quiz

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Bist du bereits ein Roller Derby Experte?
Teste es im Quiz.

1. Wie heisst ein Freundschaftsspiel in der Roller Derby Sprache?
2. Wann gründete sich das Basel Derbygirl Kollektiv?
3. Welches war das erste Schweizer Roller Derby Team?
4. Wie viele Spielerinnen pro Team sind gleichzeitig auf dem Feld?
5. Was passiert wenn die Leadjammerin auf ihre Oberschenkel klopft?
6. Wie lange dauert ein Spiel im Roller Derby?
7. Wie heisst der Film aus dem Jahr 2009, der von einer jungen Frau handelt, die mit Roller Derby anfängt?
8. Wie viele Schiedsrichter stehen bei einem Spiel auf dem Feld?

Drücke auf Abschluss, um deine Resultate zu sehen.



Erschienen: bz Basel (08.02.2016)
Fotos/Video: Fabio Vonarburg

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Reportage

Fabio Vonarburg • 14. Februar 2016


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Comments

  1. Matthias Gräub 22. April 2016 - 14:24

    Cooler Text!
    Jetzt möchte ich aber noch dich gegen die Ladies antreten sehen. Als Video bitte. 😉

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